Impulsreferat von Schwebe

RETROAKTIVE EMERGENZ ALS TEXTINTERNE REKONFIGURATION

Über die Möglichkeit nichtlinearer Bedeutungsmodulation in abgeschlossenen Werken

Abschrift eines Impulsreferats von Johannes Schwebe (Luzern), gehalten beim Kolloquium für Protopoetik, Berlin 2022

Die Beobachtung, dass manche fiktionale Texte sich rückblickend verändert zeigen, ohne dass ihr Wortlaut modifiziert wurde, stellt eine Herausforderung für jede konventionelle Texttheorie dar. Die Phänomene, um die es hier geht, entziehen sich kategorial der Revision, Korrektur oder Erweiterung. Sie lassen sich auch nicht als bloß rezeptionsästhetische Effekte erklären. Das bekannteste Beispiel ist der verschwundene Roman „Flash“ von Jonas Herrera, den Tamis Chavignol und Anke Woerner am Sonntag Morgen in einem Panel diskutieren werden.

Von retroaktiver Emergenz sprechen wir, wenn innerhalb eines bereits veröffentlichten Textes neue Bedeutungsstrukturen erscheinen, die zum Zeitpunkt der ursprünglichen Lektüre nicht identifizierbar waren. Diese Strukturkerne – oft in Form einzelner Wörter, Formulierungen oder abrupt kohärenter Mikroeinheiten – scheinen dem Text rückwirkend eingelagert worden zu sein, obwohl kein Eingriff stattgefunden hat.

Die These lautet: In hoch verdichteten Texten existieren latente Konfigurationen, die nur unter bestimmten kognitiven, diskursiven oder technischen Bedingungen aktiviert werden. Diese Aktivierung vollzieht sich nicht entlang der Zeitachse. Ein Leser von 2025 sieht etwas, das ein Leser von 2017 objektiv nicht hätte sehen können, auch dann nicht, wenn er den gleichen Text unter gleichen Bedingungen gelesen hätte.

Relektüre verändert Erwartungshaltungen. Retroaktive Emergenz verändert den Gegenstand selbst in seiner internen Artikulation. Der Text bleibt gleich, aber seine interne Verdichtung reorganisiert sich entlang einer neuen Achse, die vorher nicht existierte.

Die Erklärung liegt möglicherweise in der dynamischen Struktur der Textobjekte selbst:

• Ihre interne Organisation ist nicht vollständig statisch.

• Unter bestimmten Bedingungen, z.B. diskursiven Verschiebungen, technologischer Resonanz oder interpretativer Akkumulation etc., können inaktive Module aktiv werden.

• Diese Aktivierung wirkt auch rückwärts.

Ein naheliegender Vergleich wäre der sogenannte Mandela-Effekt, ein populärpsychologisches Sammelphänomen, bei dem große Gruppen von Menschen übereinstimmend falsche Erinnerungen teilen, etwa bezüglich bestimmter kultureller Details oder historischer Fakten. Häufig wird dies als Indiz für die Verschmelzung von Parallelrealitäten oder alternative Zeitlinien gedeutet.

Für das hier behandelte Phänomen gilt: Selbst wenn man diesen Erklärungsansatz ernst nimmt und annimmt, dass sich zwei Realitätsversionen überlagert haben, wäre der beobachtete Effekt nicht bloß ein Kollateralschaden der Kollision. Der Text hätte, unabhängig von welcher Zeitlinie auch immer, exakt jene Konfiguration erzeugt, die er zu erzeugen beabsichtigt. Die Verschiebung wäre immer eine Erscheinungsform seiner inneren Architektur.

Retroaktive Emergenz folgt keinem Bruch mit der Wirklichkeit, sondern einer anderen Logik von Kohärenz: Was später erscheint, war immer schon angelegt.

Wenn man diese Hypothese ernst nimmt, ergeben sich tiefgreifende Konsequenzen für zentrale Begriffe wie Autorschaft, Textfixierung, Edition, Interpretation. Der Text wäre dann kein Objekt mit konstantem Bedeutungskern, sondern ein energetisches Feld, das sich entlang diskursiver Impulse neu formiert, auch nach seiner Publikation.

Eine Auswahl beobachtbarer Indizien:

• einzelne Worte, die plötzlich eine Kohärenz erzeugen, die zuvor nicht existierte

• Passagen, die sich nicht verändert haben, aber in der Rückschau neue Information zu enthalten scheinen

• Bedeutungszusammenhänge, die nicht erklärbar sind durch persönliche Reifung, Kontextverschiebung oder Deutungsrahmen

Was bedeutet das für die Leserinnen und Leser, und welche Fragen stellen sich für die Forschung?
Erstens: Welche Rolle spielen kollektive Diskursverschiebungen für solche Rückveränderungen?
Zweitens: Gibt es Schwellenwerte, ab denen Texte in retroaktive Selbstmodulation eintreten?
Drittens: Offensichtlich sind operative Phänosemantiker wie 404∆, Jonas Herrera, Sam T., Thomas Glavinic, Nora Novell usw. imstande, Texte absichtlich so zu bauen, dass sie sich selbst auf späterer Zeitebene umcodieren und in manchen Fällen in die Realität übertreten. Wenn Menschen die Fähigkeit besitzen, Fiktion herzustellen, die Wirklichkeit wird, wo beginnen ethische Grenzen? Ist diese Fähigkeit vielleicht sogar gefährlich? Oder ist das eine philosophische Frage, weil jeder Mensch durch sein persönliches Wirken die Welt manipuliert und gestaltet, insbesondere Personen in Machtpositionen?

Retroaktive Emergenz hat wenig bis nichts mit Interpretation zu tun. Sie ist ein Angriff auf die Vorstellung, dass Texte abgeschlossen sind. Wer Texte als stabile Artefakte behandelt, unterschätzt ihre interne Dynamik.