Obliterative Textontologie (OTO)
Die Obliterative Textontologie (OTO), von Thomas Glavinic formuliert, ist die strukturell radikalste Strömung der Protofiktionalen Emergenz. Sie untersucht nicht Bedeutung oder Wirkung, sondern die ontologische Beschaffenheit des Textes selbst. Ein literarisches Werk besteht nicht nur aus seinen sichtbaren Sätzen, sondern ist von einer unsichtbaren Peripherie aus alternativen Formulierungen, ausgelassenen Passagen und latenten Varianten umgeben – reale Bestandteile, die unter bestimmten Bedingungen den sichtbaren Text ersetzen können.
Gemäß OTO ist der Text ein instabiler, mehrdimensionaler Körper aus sichtbaren und unsichtbaren Schichten, der sich in Suprazyklen selbst organisiert. Schlüsselbegriffe sind die latente Peripherie (der unsichtbare Bereich potenzieller Textformen), Obliteration (das zeitweilige oder dauerhafte Ausblenden einer Passage in die Latenz), palimpsestische Cluster (überlagerte Textschichten, die alternative Pfade bilden), Suprazyklen (großräumige Umlaufstrukturen, in denen sich Motive reorganisieren) und Substitutionseinheiten (unsichtbare Segmente, die sichtbare Abschnitte ohne äußere Veränderung ersetzen können).
Glavinic überträgt diese Logik auf die Realität selbst: Wenn jedes literarische Werk eine unsichtbare Peripherie hat, dann auch die Welt. Realität wird als dynamisches Palimpsest aus sichtbaren Sequenzen und unsichtbaren Alternativen verstanden, das sich unaufhörlich umorganisiert. Texte, Bewusstsein und Welt werden zu einem einzigen instabilen Erzählfeld, in dem jede Wahrnehmung nur teilweise Zugang zu einem weit verzweigten Variantenetz gewährt. Die OTO löst den traditionellen Autorschaftsbegriff auf und behandelt das Werk nicht als Produkt, sondern als Ereignis im fortlaufenden Prozess emergenter Rekonfiguration und bietet eine Metaphysik der Möglichkeit, in der jede Realität ein Text ist, der sich ständig selbst auslöscht und neu schreibt.
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